Es ist leicht nachzuvollziehen und darin besteht wohl kein Zweifel, dass das wichtigste Ereignis im Leben eines jeden Menschen die Geburt ist.
Oftmals war in der Vergangenheit die Geburt direkt verbunden mit dem letzen Ereignis im Leben eines Menschen, dem Tod. Die Säuglingssterblichkeit war sehr hoch. Es war nicht selten, dass auch die Mutter bei der Geburt eines Kindes starb. Es gab auf unserem Hof um die Jahrhundertwende –vom 19ten ins 20te- nur ein überlebendes von vier Kindern. Diese hohe Kindersterblichkeit war ein enormes Risiko für die Bestandsicherung eines Hofes.
Schauen wir uns doch einmal an, was so rund um eine Geburt auf einem Hof alles passierte.
Nun, hier geht es nicht um den biologischen Ablauf, sondern um das „Drumherum“. Und das ist gleichermaßen spannend und amüsant, zumindest aus heutiger „moderner“ Sicht.
Rund um die Geburt prägten viele Sitten und Bräuche den Menschen, so wissen die Kinder, dass der neue Erdenbürger „Aus dem Pütt“ kommt. „De Wiesmor“, die Hebamme bringt ihn in ihrer großen Tasche und legt ihn der Mutter ins Bett. Zuweilen ist es auch der Klapperstorch, der das Schwesterchen oder Brüderchen bringt. So hörte man wohl die Kinder, die sich ein Geschwister wünschten, rufen: „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester, Klapperstorch du Guter, bring mir einen Bruder“. Wer sich denn so ein Geschwister wünscht, legt auch des Abends einige Stückchen Würfelzucker auf die Fensterbank, um damit den Klapperstorch anzulocken.
Auf dem Hofe ist die Ankunft eines Jungen mehr erwünscht als die eines Mädchens, schließlich kann man von einem Jungen erwarten, dass er auf dem Hofe kräftig mitarbeitet und damit zur Bestandsicherung des Hofes beiträgt. Ein Mädchen hingegen kostet „nur“, nämlich Aussteuer und es hilft auch nur im Hause. Nachwuchs wurde also unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet.
Ist nun das erste Kind ein Mädchen, dann hört man abschätzig sagen „et is men´n Wicht“. Ist dem Bauernpaar ein Junge geboren, dann heißt es: „et sind em Dusen Taler dör die Luke stuot´t“ oder „es is´n nien Bur ankummen“.
Die Hebamme spielt nicht nur bei der Geburt eines Kindes eine große Rolle. Ihr fällt auch die Aufgabe zu, die Geburt des Kindes kund zu tun und den Nachbarn und Verwandten mitzuteilen.
Die Frau des nächsten Nachbarn betreute die Wöchnerin. Sie gibt auch acht auf die „Pötte“ und trägt Sorge für die Kinder. Ein Brauch der nachbarschaftlichen Hilfe und des engen Zusammenhalts.
Damit die bösen Geister nicht Macht über das Kind bekommen, darf es vor der Taufe nicht beim Namen genannt werden. Die Taufe selbst findet gewöhnlich am dritten Tage nach der Geburt statt und wird mit einem üppigen Fest gefeiert, wenn ein junger Hoferbe geboren ist.
Die Hebamme lädt zur Taufe ein und wird dafür überall reichlich bewirtet und erhält ein Trinkgeld.
Am Morgen des Tauftages kommen die Paten, um mit den Eltern den Namen des Kindes zu bestimmen. Die Hebamme trägt das Kind zur Kirche, begleitet von den Paten und nächsten Nachbarsfrauen. Der Vater bleibt daheim bei der Mutter. Nach der kirchlichen Feier findet ein gemeinsamer Taufschmaus in einem Gasthofe statt. Hier wird ein ausgedehntes Frühstück eingenommen, zuweilen auch mit Wein und Kuchen. Die Kosten tragen –natürlich- die Paten. Nicht von ungefähr heißt es : „Pah staohn is gut. Men´t is ne Ähr in de Kiärk un ne Schand in de Task.“
Zu den Teilnehmern der Gesellschaft gehören natürlich auch die Ortsgeistlichen und der Küster. Für die Mutter wird eine Kleinigkeit von Taufschmaus mitgenommen.
Des Mittags wird im Geburtshaus ein gutes Mittagessen eingenommen, zu dem auch die nächsten Angehörigen, Nachbarn und die Hebamme eingeladen sind. Diese erhält auch von den Paten ein entsprechendes Trinkgeld, nachdem sie das Kind den Paten in ihre Hände „übergeben“ hat.
Damit es der Mutter recht bald wieder gut ergehe, schicken die Nachbarn abwechselnd in den drauffolgenden Tagen einen Kuchen, ein Zeichen enger nachbarschaftlicher Verbundenheit und Hilfe.
Auch wenn die Zeiten nicht einfach waren, so kann man sicherlich annehmen, dass ein jedes Kind, egal ob nun Mädchen oder Junge, fürsorglich aufgewachsen ist.

